Basislinie Walperswil–Sugiez …

… im Grossen Moos – und woher wir wissen wie gross die Schweiz ist und wo ihr Zentrum liegt.


Fährt man im Berner Seeland von Walperswil südöstlich in Richtung Gimmiz und des Wasserturms, erkennt man kurz nach Kleingimmiz rechterhand eine hölzerne Pyramide, so wie man sie von den Triangulationspunkten her kennt. Das ist die nördliche Marke einer historischen Messstrecke zwischen Walperswil und Sugiez.

41'285 km2

so gross ist die Fläche der Schweiz. Doch woher wissen wir das?

Zu verdanken haben wir diese Erkenntnis den Kartografen, die schon seit dem 19. Jahrhundert akribisch das Land vermessen haben.

Es ist ja erstaunlich mit welch primitiver Ausrüstung sich seinerzeit Kartografen aufmachten, die Schweiz zu vermessen. Ganz besonders in der gebirgigen Umgebung der Alpen war dies eine enorme Herausforderung.
Heute, mit den Mitteln der Fotogrammetrie und GPS-Vermessung ist das ein Klacks, aber damals mussten die Vermesser noch unter vielen Gefahren persönlich durchs Gelände steigen. Über hohe Berge und durch tiefe Schluchten, dagegen war wohl das Mittelland schon ein erholsamer Ausflug.

Die Arbeiten für die Dufourkarte – des ersten amtlichen Kartenwerks der Schweiz – begannen 1832, die 25 Blätter der Karte erschien in den Jahren 1845 bis 1865. Doch schon im 17. und frühen 18. Jahrhundert hatten Wissenschafter begonnen, Landschaften grossräumig mittels Triangulation zu bestimmen.
Dazu benötigte man aber als Ausgangsgrösse eine genau definierte und genügend grosse Länge, sowie deren geografische Lage und Ausrichtung.

Eine solche Strecke von 13 Kilometer zur Kartografierung der Schweiz definierte man im September 1791 im Grossen Moos, zwischen dem bernischen Walperswil und dem damals sumpfigen Ufer des Murtensees beim freiburgischen Sugiez. Visierpunkt von Walperswil aus war der Kirchturm von Avenches, das auf einem Hügel liegt.

      

Die genaue Lage und Orientierung bestimmte man 1834 durch astronomische Messungen der alten Sternwarte Bern (46.95109, 7.43864) und Triangulationsmessungen zwischen dieser und den Punkten Chasseral (47.13301, 7.05933) und Röthifluh (Röti 47.25798, 7.52791) → siehe Dufourkarte mit Einblendung.
Das Gelände ist im Grossen Moos weitgehend ohne markante Hindernisse, fällt aber (2020) von NO nach SW von 442,1 auf 431,4 m ü. M leicht ab und entwässert so Richtung Broye. Die Höhenwerte haben sich seit der ursprünglichen Messung aufgrund der beiden Juragewässerkorrektionen unterschiedlich stark verändert (abgesenkt).

«Es sieht wohl schwerlich mit den Charten irgend eines Landes schlechter aus, als mit denen von der Schweiz, und sonderbar genug ist es: je neuer sie sind, desto schlechter.»

Johann Georg Tralles, 1790

Inzwischen hat sich die Kartografie aber stark weiter entwickelt und die Schweizer Landeskarten geniessen seit der Dufourkarte weltweit einen hervorragenden Ruf.
Begonnen hat dies – wie so vieles – mit dem Erfinder- und Ingenieursgeist vergangener Generationen. Schön, dass man diese Arbeit auch heute durch Erhalt von Landschaftsmarken als Denkmale wertschätzt.

Die Länge 13 Kilometer

Der Meter als Einheitsmass wurde erst 1799 festgelegt, bis dahin und auch noch darüber hinaus waren verschiedenste Längenstandards in Gebrauch, die wegen diverser Einflüsse nicht immer ganz schlüssig auf Meter umzurechnen sind.

Zwischen 1791 und 1834 wurde die Linie dreimal und mit unterschiedlichen Messmitteln vermessen. Dabei betrug die Abweichung zwischen dem kürzesten (13'053,74 m 1834) und dem längsten (13'053,93 m 1797) Messwert lediglich 19 cm, was weniger als 0,015 ‰ entspricht. Der Wert von 1791 liegt mit 13'053,86 m dazwischen.

Vermessungsdenkmal Walperswil

      

Vermessungsdenkmal Sugiez 

       

 

Eine Schwester im Elsass, die Base d’Ensisheim

Auf eine ähnliche Basislinie bin ich schon während einer meiner Touren 2013 durchs Elsass gestossen, als ich auf der Suche nach der (verschwundenen und ersetzten) Whale pier Brücke über die Ill in Biltzheim und auf dem Weg zur Gedenkstätte des französischen Jagdfliegers Edmond Marin la Meslée war.

Die Messstrecke liegt zwischen Oberhergheim und Sausheim. Definiert und vermessen wurde sie unter dem Regime von Napoléon I. im August 1804, unter anderem zur Erstellung einer Karte der Schweiz – die zur Zeit der Mediation (1803–1813) ein französischer Vasallenstaat war.
Und diese Basislinie wurde 1834 von Johannes Eschmann (einem Mitarbeiter von Guillaume Henri Dufour) als Kontrollbasis für eine Nachmessung der Basis im Grossen Moos verwendet. Beide Endpunkte dieser Basislinie von 19'045 ¼ Meter sind mit Obelisken aus rötlichem Vogesensandstein markiert.

So ergeben sich einmal mehr Querverbindungen, wenn man mit offenen Augen unterwegs ist. Auf die Basislinie im Grossen Moos wurde ich erst 2017 aufmerksam.

Vermessungsdenkmal Oberhergheim

      

Vermessungsdenkmal Sausheim

      

 

Und noch etwas zum Nabel der Schweiz …

… beziehungsweise ein paar Hinweisen zum leichteren Verständnis des Wandels der kartografischen Vermessung des Landes.

Es gilt zu unterscheiden zwischen dem kartografischen Nullpunkt und dem geografischen Mittelpunkt.
Und … auch wenn sich Zürich gerne als Nabel der Schweiz sieht, so ist es dies weder kartografisch, noch geografisch – noch politisch.

Der kartografische Nullpunkt

Den Fundamentalpunkt 0/0 legte man ursprünglich in der alten Sternwarte (1812–1876) auf der Grossen Schanze in Bern fest. An deren Stelle befindet sich heute das Institut für Exakte Wissenschaften der Universität Bern – eine Steinsäule im Innenhof des Instituts markiert die Lage des Nullpunkts.

Um keine negativen Koordinatenwerte zu erhalten und um weitere kartografische Bedingungen zu erfüllen, legte man den Punkt 600 km nach Westen und 200 km nach Süden. Der absolute Nullpunkt der Schweiz liegt deshalb ausser Landes und zwar in einer Rebfläche etwa 600 m östlich von Saint-Émilion bei Bordeaux, bei den Koordinaten 44.891318°, -0.164089°.
Dadurch erhielt der ursprüngliche Nullpunkt im Bezugssystem LV03 (CH1903) den Wert 600'000/200'000.

Im seit 2017 gültigen Bezugssystem LV95 (CH1903+) wird zur Unterscheidung zum bisherigen System noch eine Zahl vorangestellt, in Nord-Süd-Richtung eine 1, in West-Ost-Richtung eine 2.
Somit hat der kartografische Schweizer Nullpunkt im aktuellen Bezugssystem den Wert 2'600'000/1'200'000. Der absolute Nullpunkt verschob sich dabei von Saint-Émilion auf einen Punkt im Atlantik, rund 260 km west-südwestlich der Ponta do Pargo auf Madeira. Unter diesem Punkt liegt fast so viel Wasser wie der höchste Berg in der Schweiz hoch ist. Aber auch dieser neue absolute Nullpunkt hat natürlich nur symbolische Bedeutung.

Mit Inkrafttreten des Bezugssystems LV95 und der heutigen Bedeutung der Satellitenvermessung wurde ein neuer Fundamentalpunkt in der Geostation Zimmerwald (2'602'026.4/1'191'790.0 resp. 46.87723, 7.46522) festgelegt, der den direkten Anschluss der Schweizer Landesvermessung an globale Bezugssysteme ermöglicht. Der kartografische Nullpunkt hingegen verbleibt am bisherigen Ort.
Mit modernsten Mitteln wird in Zimmerwald die Schweiz und ihre Anbindung an die europäischen Koordinatensysteme vermessen und ständig überprüft. Die Satellitenvermessung geschieht einerseits mit GNSS-Empfägern (GPS-, GLONASS- und Galileo-Signale), andererseits mit einem Laserteleskop.

Der geografische Mittelpunkt

Den geografischen Mittelpunkt kann man sich vorstellen, indem man die Konturen der Schweiz aus einem Karton ausschneidet und dort eine Nadel unterstellt, wo die «Kartonschweiz» im Gleichgewicht ist → Flächenschwerpunkt.

Dieser Mittelpunkt befindet sich auf der Älggi-Alp im Kanton Obwalden, bei den Koordinaten 46.80127, 8.22677. Da diese Stelle in steil abfallendem und schwer zugänglichen Gelände liegt, erkor man einen Punkt 500 m südöstlich des wahren Mittelpunkts und markierte diese Stelle 1988 mit einem Stein. Der Stein ist von einer Trockensteinmauer in Form der Schweiz umgeben.

Und was ist mit der mittleren Höhe?

Die mittlere Höhe der Schweiz existiert natürlich an vielen zugänglichen Orten und ist damit weit weniger spektakulär. Der tiefste Punkt der Schweiz ist mit 193 m ü. M. der Lago Maggiore, der höchste Punkt die Dufourspitze mit 4'634 m. Daraus ergibt sich eine mittlere Höhe von 2'413,5 m ü. M.

Der Genfer Künstler Alain Monney – inspiriert von Mani Matter – hatte dazu eine überraschende Idee und Béatrice Mohr vom Westschweizer Fernsehen RTS hat 2013 darüber einen poetischen Film gedreht (25:36).

Diese Höhe lässt sich aber auch ganz bequem am Grossen St. Bernhard-, Nufenen-, oder Furkapass «er-fahren».


Quellen