Fi 103, 114635

Die besondere Geschichte der Fi 103, Serie-Nr. 114635 …

… von 1944 bis heute.

Die Flugbombe war, als sie ab dem 13. Juni 1944 in Nordfrankreich zum Einsatz kam, alles andere als ausgereift und für diesen Einsatz bereit. So ist es nicht verwunderlich, dass es viele Fehlfunktionen gab, die meistens zu Frühabstürzen führten.
Sofern diese Frühabstürze auf französischem Festland erfolgten und der Absturzort von den Deutschen lokalisiert werden konnte, wurden die Geräte von Spezialtrupps gesprengt. In der Regel waren die Zünder wegen der verzögerten Aktivierungen noch nicht scharf oder sie lösten wegen Funktionsstörungen nicht aus.

Die Fi 103 mit der Serie-Nr. 114635 war ein solcher «Fehlstart»!
An welchem Tag und von welcher Feuerstellung 114635 startete ist nicht bekannt bzw. belegt. Die in Frage kommenden Stellungen sind in nebenstehender Luftaufnahme von 1947 eingezeichnet. Ob näher an der Absturzstelle liegende Linien wahrscheinlicher sind als andere ist schwer zu sagen. Eine Fehlfunktion von Kompass und/oder Steuerung in Kombination mit mangelnder Triebwerksleistung lässt alle sechs grundsätzlich als möglich erscheinen.
Die Distanz zwischen den Startstellen und der Absturzstelle beträgt zwischen 13 km und 31 km. Einem Artikel vom März 1976 über die Bergung der Bombe zufolge ist die V1 vor dem Absturz tief über die Häuser von Ponts-et-Marais geflogen […] Avant d’atterrir, il a bousculé la voiture d’un habitant du village puis s’est frayé un passage entre deux maisons. […], deshalb kommen wohl nur die Feuerstellungen mit Flugbahnen östlich des Absturzorts in Frage. Die meistgenannte FSt 161 hingegen ist eher unwahrscheinlich.

Die Deutschen hatten noch versucht die Bombe zu sprengen, allerdings erfolglos. Die Ladung wurde zu weit hinten angebracht und zerstörte nur Teile des Rumpfs; die Ladung der Bombe explodierte nicht.

Im Lauf der Nachkriegsjahre versank die Bombe langsam im Marschland und mit der Zeit schaute nur noch eine Seite des Flügelholms aus dem Gras. Das Objekt geriet in Vergessenheit, einzig für die Kinder der Umgebung wurde es zu einem Treffpunkt.
Erst in den 1970ern fand man wieder Interesse daran und 1975 begann man mit der Freilegung. Selbstredend, dass bei dieser Arbeit erfahrene Experten beigezogen wurden, welche mit den noch im Objekt steckenden Zündern umzugehen wussten und sie ausbauen konnten.
Bei der harten Landung waren seinerzeit die Tragflächen und das Triebwerk abgerissen worden. Sie fanden sich einige Meter vom Rumpf entfernt ebenfalls  unter der Oberfläche.

Die kommenden Jahre wurden die teilrestaurierte Flugbombe im Museum in Pourville ausgestellt. Irgendwann begann Jean Erisay sich für die Reste der 114635 zu interessieren.

Goliath gegen V1

Mr Erisay hatte schon diverse historische Objekte aus verschiedenen Bereichen gesammelt und diese auch restauriert.
Mit dem Vorbesitzer der V1 wurde er in zähen Verhandlungen über den Verkauf einig … nachdem er sich dazu durchgerungen hatte, diesem als Gegengeschäft einen seiner zwei «Goliath» abzugeben.

Nun machte sich der neue Besitzer an die Herkulesaufgabe, die 114635 möglichst originalgetreu zu restaurieren. In über 2000 Arbeitsstunden wurde aus den Trümmern – unter weitgehender Verwendung von Originalteilen – das Ausstellungsstück, wie es heute im Musée de Tosny – Deuxième Guerre Mondiale 39/45 zu besichtigen ist.

114635 im Museum von Tosny

Alle Fotos im Museum mit freundlicher Genehmigung von Mr Erisay.

Die Bilderfolge geht von der Spitze her und von oben gesehen im Uhrzeigersinn um das Gerät.